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„Du bist schön“ – Kompliment oder böser Sexismus?

Seit der #Meetoo-Debatte ist das Internet voll von Beiträgen rund um das Thema Sexismus. Ich selbst habe mich schon recht früh mit dem Thema befasst. Unter anderem auch, weil ich mich schon früh für Politik interessiert habe und man daran einfach nicht vorbei kam. Dementsprechend früh entschied ich mich auch dafür, dass es mir viel zu heikel ist, einen Artikel zu diesem umstrittenen Thema zu verfassen. Doch nun, im Jahre 2018, zu einer Zeit, in der es sowohl im Internet als auch in Alltagsgesprächen fast allgegenwärtig erscheint, wird ein Gedicht von der Wand einer Hochschule wieder entfernt, weil es sexistisch sei. Nun ist es also so weit: Ich geb doch meinen Senf dazu zu diesem Unfug.

In dem von Eugen Gomringer verfassten Gedicht geht es um Blumen und Frauen. Für viele ist das jetzt ein Grund zu sagen, dass Frauen nur nach ihrem Äußeren beurteilt würden, dass sie nichts weiter können müssten als schön zu sein und das man das eben auch in der Kunst kritisieren sollte. Hier einmal das Gedicht:

„Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

Eugen Gomringer

Ich persönlich finde nicht, dass das Gedicht Frauen nur nach ihrem Äußeren beurteilt. Klar ist der Vergleich mit einer Blume vor allem  aus dem Grunde schmeichelhaft, weil Blumen eben so schön sind. Doch steckt noch viel mehr dahinter. Gerade dass er Frauen mit Blumen und Alleen vergleicht finde ich bezeichnend, denn wenn ich an Alleen denke, denke ich an fast endlose, von Bäumen umgebene Straßen, die einem ein Gefühl von Natur und zuhause vermitteln,  sodass man sich gerne in ihnen aufhält. Alleen haben eine Tiefe, vermitteln ein Gefühl. Wenn man das nun auf einen Interpretationsversuch des Gedichtes überträgt, so bewundert der Bewundernde die Frauen als Wesen, die die Schönheit der Blumen und die Tiefe der Alleen (sowohl geistig als auch auf der emotionalen Ebene) in sich vereinen. Das Verb des Bewunderns beinhaltet ohnehin mehr als nur Äußerlichkeiten. Wenn man bewundert, dann bewundert man etwas oder jemanden als Gesamtwerk und damit neben der äußerlichen Schönheit vor allem auch Attribute wie geistige Stärke oder Intelligenz. Ginge es rein ums Optische hätte der Poet meiner Meinung nach eher ein Wort wie „Betrachter“ oder ähnliches genutzt. Doch präzise und gut überlegte Wortwahl macht gerade kurze Gedichte erst zu guten Gedichten.

Doch was, wenn der Poet es doch sexistisch gemeint hätte? Was, wenn er die Frauen darauf reduziert hätte, dass sie Kreaturen so wunderschön wie die Blumen seien?

1. Wäre er nicht der erste der das tut. Die Kunstgeschichte ist voll von weiblichen Musen und das ist auch gut so. Wir leben in einem Zeitalter, in dem sich Menschen über Gedichte aufregen aber abends den „Bachelor“ auf RTL schauen. Ganz ehrlich: Es gibt schlimmeres, als in einem Gedicht auf sein Äußeres beschränkt zu werden. Deal with it.

2. Finde ich diese ganze Debatte sowieso unfassbar unnötig, ich schreibe nur etwas dazu, weil ich es für skandalös halte ein  Kunstwerk, ein Gedicht (das nebenbei bemerkt sogar einen Preis erhalten hat) zu entfernen. Aber mal ehrlich: Ja, es ist scheiße, wenn Frauen im Alltag nicht mit dem nötigen Respekt begegnet wird. Im Job sollte jeder gleich behandelt und gleich bezahlt werden, der die gleiche Arbeit macht. Von so Dingen wie Belästigung ganz zu schweigen. Das ist Scheiße. Keine Frage. Aber müssen wir uns ernsthaft darüber aufregen, wenn uns jemand „schön“ nennt? Nur jede zweite Frau in Deutschland findet sich selber schön. Klar, das liegt zum Großteil an unrealistischen Schönheitsidealen, die in Werbung und Filmen propagiert werden, aber vielleicht auch ein bisschen daran, dass man sich einfach nicht mehr begehrt fühle, wenn das flirten fehlt. Ich will, wenn ich in die Disko gehe manchmal einfach keine tiefsinnigen Gespräche führen. Ich will trinken und rauchen und Körper an Körper tanzen. Bin ich jetzt antifeministisch? Ich will machen was ich will, und ich find’s verdammt nochmal gut, wenn mir jemand egal welchen Geschlechts sagt, dass ich dabei gut aussehe.

3. Genau das ist auch schon wieder so ein Punkt: Wenn Männer Frauen sagen, dass sie gut aussehen, ist es Sexismus. Aber wenn Frauen es zu Frauen sagen nicht? Es wird, wie so oft mit zweierlei Maß gemessen. Klar, der Ton macht die Musik, aber ich finde, es gibt immer noch einen deutlichen Unterschied zwischen „geile Titten“, „Du schaust schön aus“ und einem Gedicht.

4. Wenn ich „nein“ meine kann ich auch nein sagen. Immer dieses man darf Frauen nicht anfassen und sollte vorher um Erlaubnis fragen und blablabla. Wann haben wir Frauen verlernt nein zu sagen? Meine Mami hat mir das noch beigebracht. Wenn mir ein Kerl näher kommt, als ich will, dann sag ich ihm das. Und dann hält er sich entweder dran oder ist ein sexistisches Arschloch. Irgendwie sehe ich es auch als Rückentwicklung an, wenn ein Mann mich fragt, ob er mich küssen darf. Ich mein, irgendwie habe ich dadurch das Gefühl, dass er mich nicht als Wesen wahrnimmt, das in der Lage ist seine Grenzen zu kommunizieren.

Also: Ja, Sexismus ist scheiße, wenn es darum geht, dass man nicht ernst genommen wird, weil man ja zum Beispiel so süß ist und deshalb nicht als Führungskraft wahrgenommen wird, obwohl man diesen Beruf hat. Sexismus ist scheiße, wenn Frauen die Schuld daran gegeben wird, dass sie vergewaltigt wurden, weil ihr Rock „zu kurz“ war. Ja, Sexismus ist scheiße, wenn gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt wird. Ja, Sexismus ist scheiße, wenn behauptet wird, es gäbe keinen Sexismus gegenüber Männern (den gibt es nämlich). Aber die Debatte über Sexismus geht zu weit, wenn Gedichte und harmlose Schmeicheleien verboten werden, weil sie ein angeblich falsches Frauen- und Gesellschaftsbild propagieren. Kriegt euch wieder ein und freut euch einfach mal wieder über Kunst und nett gemeinte Worte.

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Ballet: Bald auch Sexismus? (gefunden auf pixabay.com)

2 Kommentare zu „„Du bist schön“ – Kompliment oder böser Sexismus?

  1. Huhu Scarlet,

    ich finde, du bringst es ganz wunderbar auf den Punk. Ich bin dieses ganze Sexismus-Thema manchmal wirklich leid. Ich halte mich so gut es geht dabei heraus, um mir nicht – wie so oft – den Mund zu verbrennen, aber ich kann es bald nicht mehr hören. Wo fängt Sexismus an? Ich bin selbstverständlich gegen Sexismus, Gewalt und alles, was dazu gehört, aber wird hier nicht manchmal maßlos übertrieben? Dürfen die Herren der Schöpfung in einer lustigen Runde bald wirklich keine schlüpfrigen Witze mehr machen, weil sich eine Dame „belästigt“ fühlen könnte? Ich finde das Thema grundsätzlich wichtig, keine Frage, aber ich halte das, was mir da zu Ohren kommt, in vielen Fällen für maßlos übertrieben.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, herzliche Grüße – Tati

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  2. Danke für Deinen Kommentar, Ich fühle mich nie ausgeliefert. Ich habe wie Du früh gelernt, Männer wo nötig Grenzen zu zeigen, und wenn ich mich nicht allein wehren konnte, bat ich andere Frauen oder Männer um Hilfe. Ich will nicht, dass jemand hilflos ausgeliefert ist, weder Mann noch Frau. Und drum lernt, wo nötig, euch zu verteidgen, Forderungen wg. Gehalt zu stellen, politisch zu handeln…

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