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Ohne Kompromisse..?

Gefesselt sitze ich auf meinem Stuhl. Ich wage es nicht mehr mich zu bewegen, gar zu atmen. Voll Spannung starre ich die beiden Personen auf der Bühne an. Da steht der junge Aktivist Hugo, gerade frisch aus dem „Knast“ entlassen neben der parteitreuen Olga, die mit dem Revolver auf ihn zielt. Die ganze Kulisse ist in ein schmutziges Licht getaucht. Und obwohl die beiden Personen erst seit zwei Minuten auf der Bühne stehen, habe ich Angst vor dem, was sich gleich zwischen ihnen abspielen wird.

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Foto: Olaf Struck

,,Die schmutzigen Hände“, ein Theaterstück, welches am 2.April 1948 uraufgeführt wurde, wird als „politisches Theater“ beschrieben. Auf der Website des Theaters Kiel steht, das Stück werfe die Frage auf, ob es überhaupt möglich sei mit sauberen Händen politisch zu agieren. Das klingt interessant. Das klingt nach intellektuellem Anspruch. Das schreit nach inhaltlicher Auseinandersetzung. Also denke ich mir, als politisch interessierte Person: Hin da! Zu verlieren gibt es ja nichts. Dass ich so viel gewinnen würde, hätte ich jedoch im Traum nicht gedacht.

Hugo ist junger Aktivist und beschreibt sich selbst als „intellektuellen Anarchisten“. Er kommt aus der gehobenen Klasse, verlässt aber seine Familie um voller Ehrgeiz und Tatendrang gegen die Klassenunterschiede und sämtliche Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Innerhalb seiner Partei nimmt er einen Mordauftrag an einem Genossen an, der politisch aktuell nicht 100% die selbe Linie fährt wie die Partei. Er schleust sich als Sekretär in das Leben des älteren und erfahreneren Politikers Hoederer ein. Doch je besser er diesen kennenlernt, desto größer wird Hugos innerer Konflikt. Er wird sich immer unsicherer, ob er Hoederer töten soll oder nicht. Extrem spannend gestalteten sich meiner Meinung nach dabei die Aufeinandertreffen von Hoederer und Hugo. Hierbei inszenierte der Autor Jean-Paul Sartre zwei politische Personen. Zum einen den jungen Aktivisten, ohne Erfahrung, dafür aber mit viel Tatendrang, dem seine Ideale und Prinzipien wichtiger als alles andere sind und für deren kompromisslose Umsetzung er kämpfen will. Auf der anderen Seite gibt es den erfahrenen Politiker, der nicht weniger Ideale und Werte hat, als der junge Hugo. In seinem Kampf jedoch sind ihm die Menschen wichtiger und er versucht deshalb eher Kompromisse einzugehen anstatt überstürzt zu Handeln.

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Foto: Olaf Struck

In einer Szene nun treffen diese beiden Meinungen aufeinander. Grundsätzlich haben beide Charaktere dieselben Ziele und doch kommt es zu einer politischen Debatte. Diese jedoch hat genau das, was unserer Realpolitik so oft fehlt. Sie ist inhaltlich höchstgradig anspruchsvoll und beiden Teilnehmern ist ihr Inhalt mehr als nur wichtig. Ihr Leben hängt davon ab, weil sie es so wollen.

 

Ich als Zuschauerin war nicht nur gefesselt von dem politischen Inhalt, sondern auch von dem hohen Maß an Gefühl. Hugo beschreibt häufig, in seinem Kopf sei so viel los. Es sei nie still. Er ist ein Intellektueller, der mit seinem Grad der Intelligenz und all den Gedanken, die er hat, überfordert ist. Er weiß was er will, aber er denkt zu viel nach, um stur zu handeln. Blinder Aktionismus liegt gar nicht erst in seinem Ermessensbereich und das macht ihn unglaublich wütend. Denn er will nicht nur denken, er will handeln. Er will praktisch helfen. Und doch kann er das nicht in dem Maße wie er es gerne täte, da sein Intellekt ihn daran erinnert, zuerst über seine Taten nachzudenken.

„Alle Intellektuellen träumen davon zu handeln!“ (Hoederer)

Dieser innere Konflikt zieht sich durch das ganze Stück und ist praktisch spürbar. Ich finde, er ist unglaublich gut dargestellt und nachvollziehbar. Noch interessanter finde ich den Charakter Hugos allerdings hinter dem Kontext, dass er seine bürgerliche Herkunft verachtet und für eine Klassenlose Gesellschaft kämpft. Denn genau diesen Punkt des Hasses seiner Klassenherkunft, teilt sich Hugo mit keinem anderen als dem Autor des Stückes, Jean-Paul Sartre selbst.

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Foto: Olaf Struck

Spannend gemacht war auch die Inszenierung des Regisseurs Dariusch Yazdkhasti. Das Stück wird nämlich zu großen Teilen auch live-gefilmt und auf eine Leinwand über dem Geschehen projiziert. Das gibt dem ganzen einen noch dramatischeren und filmischen Touch. Bei dem ersten aufflimmern der Kamera war ich etwas verwirrt, da ich mit diesem Mittel der Inszenierung absolut nicht gerechnet hatte. Ich muss aber sagen, dass der Effekt sehr gut gemacht war und mich letztlich doch überzeugen konnte. Einige Szenen waren so einfach noch um einiges besser darstellbar als mit rein klassischen Mitteln.

 

Zum Ende des Stückes war ich hin- und hergerissen zwischen Tränen und Applaus. Das Stück stellt nicht nur auf menschlicher Ebene verschiedene Charaktere und deren Probleme unglaublich gut dar, sondern schafft es auch einen nachhaltig zum Nachdenken zu bewegen. Das ganze hinter dem Kontext, dass das Stück im zweiten Weltkrieg spielt, bringt mich dazu, es auf jeden Fall weiter zu empfehlen. So umfassend wie dieses Stück mit seinen 3Stunden Länge komponiert ist, lässt es sich nicht einfach so in einem Artikel beschreiben und dennoch hoffe ich, wenigstens einen kleinen Einblick gegeben zu haben, der auch neugierig auf das Stück selbst macht. Es ist ein Stück, das man erleben muss. Denn es ist nicht nur für die Schauspieler emotional. Auch ich als Zuschauerin war emotional das ganze Stück über gefesselt. In der Pause stellte ich fest, dass es nicht nur mir so ging, denn die beiden (sehr alten) Personen, die neben mir saßen, verließen das Theater, weil es ihnen zu aufregend war.

Ein weiteres Mal bedanke ich mich beim Theater Kiel für die Bereitstellung der Theaterkarten.

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