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Wie stellt ihr euch die Klapse vor?

Wie stellt man sich eine Klinik für psychisch kranke Menschen vor? Vor meinem

alice
Quelle: pixabay.com

innerene Auge erscheinen Bilder wie aus uralten Horrorfilmen. Schreiende Menschen, die ans Bett gefesselt sind. Eine eingesperrte Frau, die während ich vorrübergehe plötzlich an ihre, zum Glück verschlossene Zimmertür springt und versucht mich anzugreifen. Ein Mann mit zerzausten Haaren, der aufgeregt mit sich selber diskutiert. Ich weiß, so ist es nicht wirklich in einer solchen Klinik. Und doch bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mit diesen ersten hervorschnellenden Bildern nicht ganz alleine dastehe. Nein, ich denke sogar, dass der Großteil der in Deutschland lebenden Menschen, sich zuerst ähnliches wie ich vorstellt.

Dass das so nicht hinkommen kann, ist ja irgendwie klar. Oder? Zum ersten mal so richtig Gedanken über das Thema machte ich mir, als eine Bekannte mir von ihren Freunden aus der Klapse erzählte. Sie sagte sie hätten immer noch recht guten Kontakt und damals ja neben all dem anstrengenden Klinikalltag auch eine schöne Zeit zusammen gehabt. Das war das erste Mal, dass ich jemanden über „die Klapse“ als „Klinik“ sprechen hörte. Sie beschrieb ihn als einen Ort, an den man kam, um wieder gesund zu werden. Wie ein Krankenhaus. Nur dass man nicht körperlich sondern psychisch krank war. In diesem Zusammenhang lernte ich auch den Unterschied zwischen Psychatrie und psychosomatischer Klinik. Meine Bekannte war für einige Wochen in einer psychosomatischen Klinik gewesen, weil sie magersüchtig war. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir also, dass die Klinik, in der sie war,, vielleicht für die nicht ganz so schlimmen Fälle war. Wenn ich heute so zurückdenke, wollte ich sie vielleicht auch einfach als möglichst normal, als möglichst gesund wahrnehmen?

Seit diesem Gespräch, indem ich mich viel zu wenig zu fragen traute, sind ein paar Jahre vergangen. Neulich schlenderte ich durch den Buchladen und entdeckte zwischen all den Mängelexemplaren meine zukünftige Ausgabe von „Acht Wochen verrückt“. Ein autobiografischer Roman über eine junge Frau, die wegen Depression in die psychosomoatische Klinik eingewiesen wird und von ihrer Zeit dort berichtet. Ich habe dieses Buch verschlungen. Das Thema hatte mich ja schon von klein auf interessiert. Ich fand es einfach immer schon interessant zu sehen und zu wissen, was bei der menschlichen Psyche alles kaputt gehen kann. Man macht sich so selten Gedanken darüber. Man denkt daran, nicht mit nassen Haaren in die Winterkälte zu gehen, weil man sich nicht erkälten will. Man denkt auch daran, nicht von zu hohen Gegenständen zu springen, weil man sich sonst verletzen könnte. Wir geben Acht auf unseren Körper, denn wir wissen, was er aushält und was nicht. Mit unserer Psyche ist das oft anders. Plötzlich fehlt ihr etwas. Wir wissen nicht warum oder wie wir es wieder heil kriegen. Wir sind hier bei weitem nicht so gut informiert wie bei unserem Körper. Und eben deshalb interessiert mich dieser Bereich so sehr. Und deshalb verschlang ich dieses Buch an nur einem Tag. Ich wollte wissen, was mit der Psyche des depressiven Mädchens passiert war und wie der Heilungsprozess gestartet wird. Und ich wollte wissen, wie es in einer solchen Klinik wirklich zugeht.

Das Buch war nicht spannend im klassischen Sinne. Das hatte ich auch nicht erwartet. Es gab keine „Story“, kein Liebesdrama, dessen Happy End man ersehnt. Aber es war informativ und gut geschrieben. Es hat mich zum Nachdenken angeregt. Warum geben wir Menschen so oft so wenig Acht auf unser Inneres? Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der in „die Klapse“ muss und uns, die wir hier draußen herumlaufen und mit unseren eigenen Krisen zurechtkommen müssen? Was ist überhaupt normal in dieser Welt von Verrückten? Wer in der heutigen Welt hat bitte keine psychische Krankheit oder zumindest psychische Abnormalitäten?

„We are all mad here“ – Alice im Wunderland

Ich denke, dass wir uns ein Vorbild an den Franzosen nehmen sollten. Psychoanalyse dient in Frankreich nämlich nicht nur als Heilmittel bei Kranken, sondern wird auch bei „normalen“ Menschen in vielfältigen Bereichen wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Scheidung oder allgemeiner Lebenshilfe angewandt. In Frankreich gilt es deshalb auch als relativ normal einen Psychologen zu haben. Ich denke, dass das genau der richtige Ansatz ist. Wir gehen ja auch nicht immer nur zum Arzt, wenn wir schon schwer krank sind, wir haben etliche Vorsorgeuntersuchungen und wenn wir Angst haben, wir könnten krank werden, lassen wir auch das untersuchen. Ebenso sollte es auch mit der Psyche sein. Die Probleme, mit denen man in dieser Welt klarkommen muss werden immer mehr und immer vielfältiger.

Das ist etwas, auf das die Gesellschaft meiner Meinung nach reagieren muss. Das Thema psychische Krankheiten ist oftmals immer noch ein Tabuthema. Das macht es für Betroffene leider nur noch schwieriger. Irgendwie müsste man es schaffen, dass mehr Offenheit und Akzeptanz in der Gesellschaft verankert wird. Ich weiß nicht, was genau ich mit diesem Artikel bezwecken will, ob ich überhaupt etwas bezwecken will. Ich habe ihn geschrieben, weil mich das Thema beschäftigt. Weil ich mir oft Gedanken mache, wie ich auch im kleinen die Welt ein bisschen besser machen könnte. Und ich denke, dass es einen Unterschied macht, wenn man einmal mehr nachdenkt. Wenn man zum Beispiel Menschen, die sich eine Auszeit vom Berufsleben nehmen um in eine psychosomatische Klinik zu gehen nicht anschaut als seien sie verrückt. Ehrlich gesagt weiß ich selber nicht, wie man sich in einer solchen Situation am besten verhält aber vielleicht ist das ja auch etwas, was ich, was wir alle noch lernen könnten. Das Leben ist schön, aber es könnte auch noch schöner sein.

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6 Kommentare zu „Wie stellt ihr euch die Klapse vor?

  1. Eine Freundin von mir wird Ende des Monats für einige Wochen in eine Klinik gehen, sie leidet an Depressionen. Ich hoffe wirklich, dass ihr dort geholfen wird, dass man sie wieder auf einen besseren Weg führen kann. Sie hat da auch zuletzt ein gutes Buch drüber gelesen, wenn dich das Thema weiter interessiert. https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/politik-und-gesellschaft/depression-abzugeben/id_5836575 🙂

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  2. Ich denke, die große Tragik unserer heutigen Gesellschaft liegt darin, dass die meisten Menschen nicht begreifen, dass die Trennlinie, warum manche Menschen in der Psychiatrie landen und andere nicht, nur ganz hauchdünn ist – und oft eher dem Zufall geschuldet ist. Neulich habe ich noch gelesen, dass 40 % aller Deutschen mindestens einmal im Leben psychisch erkranken. Mir scheint das durchaus realistisch als Zahl und ziemlich aussagekräftig …

    Liebe Grüße, Monika

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  3. Hallo Scarlett,

    schöner Artikel, danke dafür.

    Kennst du das Buch „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“ von Joachim Meyerhoff? Das lese ich gerade. Es ist so bezaubernd, wie Meyerhoff sein Aufwachsen zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie war.

    Poetisch, liebevoll, schonungslos, berührend. Passt sehr schön zum Thema.

    Liebe Grüße
    Sabine

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