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Japanische Kultur: Höflichkeit

Als ich in Japan war, habe ich einige Zeit auf einem Bauernhof gearbeitet. Die Zeit dort war sehr schön und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Sie bot mir die Gelegenheit direkt mit einer japanischen Familie zusammen zu arbeiten, zu wohnen und zu leben. Genau das wollte ich ja auch. Ich wollte nicht einfach Tourist sein. Wollte nicht von einem Tempel zum nächsten hüpfen, Bilder von den Gebäuden machen und am Ende keinen blassen Schimmer haben, was die Hintergründe jener uralten Gebäude sind, die ich gerade bis ins kleinste Detail fotografiert hatte. Nein. Ich wollte die japanische Kultur kennenlernen. Japan ist ein Land, welches Kultur hat. Was für mich auch bedeutet, dass man sich damit auseinander setzten sollte, wenn man dieses Land besucht. Deshalb wollte ich die Japaner und ihre Lebensweise, ihre Vorstellungen von Moral und Höflichkeit genauer erkunden und verstehen. Wollte nicht nur wissen, sondern auch miterleben, wie ihr Alltag aussieht. Wollte mit ihnen zusammen lachen, lernen ihre Witze zu verstehen. Deshalb also ein Bauernhof. Morgens ging es gemeinsam mit der Gastfamilie aufs Feld und nachmittags lebten wir einfach.

schildkröte
Ich habe auf dem Weg vom Acker zum Haus eine schüchterne Schildkröte gefunden ❤

Eines wurde mir in dieser Zeit relativ schnell klar: Die Japaner sind anders, was aber nichts schlechtes ist. Es gibt so vieles zu sagen über diese beeindruckende und hochentwickelte Kultur. Viel Gutes und auch einiges Kritisches. Einen besonderen Stellenwert im Leben eines Japaners nimmt die Höflichkeit ein. Diese erreicht in Japan, ebenso wie viele andere Dinge auch, ein neues Level. Man muss sich sehr genau mit den Verhaltensweisen auskennen, um sich korrekt zu verhalten. Einige Sachen lernt man recht schnell (wie zum Beispiel, dass es als extremst unhöflich gilt, sich in Anwesenheit anderer die Nase zu putzen ), andere brauchen glaube ich mehrere Jahre, um sie zu lernen (kein gutes Beispiel vorhanden, da ich nicht lange genug im Land war 😦 ).

Ich sog all das in mich auf. Lernte zu verstehen, lernte mein Verhalten anzupassen. Doch hinterfragte auch. Begann die kleinen feinen Unterschiede kennenzulernen. Zum Beipiel lernte ich, dass Kritik als sehr unhöflich gilt. Man kritisiert andere nicht. Nicht in Japan. Nicht als Japaner. Daher ist Kritik von Japanern an japanischer Politik oder an japanischen Umgangsformen anfangs sehr schwer zu erkennen. Und doch ist sie vorhanden. So erklärte mir beispielsweise unsere Gastfamilie, dass sie es nicht immer ganz leicht hätten, als Bauern, die sich entschlossen hätten auf chemischen Dünger und Pestizide zu verzichten. Damals dachte ich mir nicht viel dabei. Es war für mich ganz logisch, dass es immer etwas schwieriger ist ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Erst einige Zeit später sollte ich feststellen, dass diese Aussage tatsächlich als Kritik verstanden werden darf. Dass meine Gastfamilie auf Pestizide usw. verzichtet, nehmen die anderen Bauern als Kritik ihrer eigenen Vorgehensweise wahr. Kritik an anderen wiederum gilt als unhöflich, weshalb die Familie soziale Probleme bekam.

Als ich das herausfand machte ich mir viele Gedanken über dieses Thema. Zum einen finde ich den Grundgedanken, andere nicht zu kritisieren gut. In der ganzen Zeit in Japan wurde mir nie gesagt, ich solle meine Haare mal wieder kämmen, mein Rock sei zu kurz oder dass ich beim Putzen eine Stelle übersehen hätte. Das kann Balsam für die Seele sein. Die Japaner gehen einfach davon aus, dass man weiß was man tut und, dass das Verhalten eines erwachsenen Individuums so durchdacht und reflektiert ist, dass man als Außenstehender gar nicht das Recht hat sich in diese Welt, über die man eh keinen vollkommenen Überblick hat, einzumischen. Das ist schön, man fühlt sich ernst genommen und macht sich auch mehr Gedanken über das was man tut und wie man es tut. Das Maß an Vertrauen, welches einem entgegengebracht wird, sorgt dafür, dass man sich auch verantwortungsvoller verhält. Man möchte die Japaner in ihrer Vorstellung eines klugen und reflektierten Menschen einfach nicht enttäuschen.

Andererseits nimmt man sich mit der Möglichkeit der Kritik natürlich auch die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Manchmal ist Kritik angebracht und hilfreich. Manchmal denkt man selbst, man weiß schon wie es richtig geht, könnte aber durch die Hilfe anderer ein paar Tricks dazulernen, könnte sich verbessern. Doch durch den Vorschlag es anders zu machen würde ja die aktuelle Vorgehensweise kritisiert werden, was unhöflich wäre. Ein Teufelskreis. Letztlich ist es wie mit allem, es gibt Vor- und Nachteile. Ich denke, die Japaner sollten schon ein bisschen mehr kritisieren, denn Kritik kann und sollte ja auch konstruktiv sein. Andererseits könnten wir Deutschen gerade in Sachen Kritik auch ein wenig etwas von den Japanern lernen und versuchen das Verhalten unserer Mitmenschen einfach einmal so hinzunehmen wie es ist. Am Ende ist es wie mit allem Anderen auch: Auf das richtige Maß kommt es an.

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2 Kommentare zu „Japanische Kultur: Höflichkeit

    1. Klar, da bin ich auf jeden Fall deiner Meinung! Mir war nur wichtig auch zu erwähnen, dass es auch negative Seiten gibt, doch ich persönlich denke immer noch, dass das positive überwiegt..

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