Allgemein · Kultur

„Die Reise nach Reims“, eine Oper die Spaß macht

Dieses Wochenende habe ich meinen Samstagabend in der Kieler Oper verbracht. Anfänglich war ich skeptisch. Eine Oper hatte ich mir bisher noch nicht angeschaut und daher zuerst die typischen Vorurteile im Kopf. Oper sei nur etwas für alte Menschen. Außerdem machte ich mir Sorgen, ob ich das Stück, welches in italienisch gesungen wurde überhaupt verstehen würde. Es gab zwar Übertitel, aber wer weiß, ob man die gleichzeitig mitlesen kann. Und ob man dann nicht vielleicht die schönsten gespielten Momente verpasst? Aber alles kam ganz anders. Nach weniger als fünf Minuten hatte ich mich bereits in die Oper verliebt. Doch nun erst einmal von Anfang an.

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Foto: Olaf Struck

 

Ausgesucht hatte ich mir das Stück „Die Reise nach Reims“ von Giachino Rossini. Die Oper war 1825 anlässlich der Krönung von Frankreichs König Karl X. geschrieben worden. Deshalb fand auch die Uraufführung anlässlich der Krönungs-Feierlichkeiten 1825 in Paris statt. Die Oper war mir persönlich im Vorwege besonders ins Auge gefallen, weil die Inszenierung des Kieler Theaters (und übrigens auch des Lübecker Theaters, mit dem für diese Produktion eine Kooperation eingegangen wurde) eine ganz besondere ist. Die gesamte Oper über läuft im Hintergrund ein Comic-Film ab, mit dem die Schauspieler interagieren. Ich persönlich denke, dass diese Interaktion mit dem Film sehr viel Übung erfordert. Aber all die Proben haben sich gelohnt. Alles lief glatt und der Effekt war einzigartig cool und urkomisch.

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Foto: Olaf Struck

Und das soll diese Oper auch sein: Komisch. Schon in der Kurzeinführung gab es Gelächter, denn die Oper, welche für Karl X. geschrieben wurde und in einem Loblied für selbigen gipfelt, handelt davon, dass eine Gruppe von Reisenden verschiedenster Nationalitäten die Krönung Karls X niemals erreichen. Alle Reisenden treffen sich in einem Hotel. Zur Abreise kommt es nicht, da es in der Umgebung keine Pferde mehr zu mieten oder kaufen gibt. Alle Hotelgäste sind außerordentlich bestürzt. Doch da kommt auch schon die gute Nachricht: Der König komme demnächst nach Paris. Wer also nicht an der Krönung teilnehmen kann, könnte dort den neuen König feiern. Es herrscht große Erleichterung. Die Reisenden feiern abends im Hotel vor und fahren am nächsten Morgen in Richtung Paris ab. Wenn man genau hinschaut, merkt man also, das recht wenig passiert. Dennoch langweilt man sich in den 2 ¾ Stunden, die die Aufführung dauert, nicht. Woran liegt das?

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Foto: Olaf Struck

Ich denke, es liegt daran, dass die Menschen und ihre Eigenarten auf humorvolle Art und Weise betrachtet werden. Es wird durchweg mit den Vorurteilen und Stereotypen der verschiedenen Nationen gespielt. Das fängt an bei der unglaublich brillanten und detailreichen Kostümgestaltung, setzt sich fort in den Eigenarten der jeweiligen Charaktere und endet bei der Musik. Ich muss sagen, ich bin kein Musik-Kenner. Ich kann nicht mit Fachbegriffen um mich werfen oder irgendwelche Tonhöhen korrekt analysieren. Also werde ich mich damit begnügen für jedermann verständlich zu schreiben, wie ich die Musik wahrgenommen habe. So hatte der Arzt eine sehr tiefe und beruhigende Stimme, der ich stundenlang hätte lauschen können, wohingegen die Französin sehr hoch und schnell gesungen hat. Das wiederum passte zu ihrer zickigen, leicht arroganten Art. Meiner Meinung nach hat sich also der Charakter der Personen in der Musik widergespiegelt. Es erinnerte mich ein wenig an Goethes „Faust“. In dem Klassiker verwendet Goethe durchweg verschiedene Metren und Rheimschemata für die verschiedenen Protagonisten. Dadurch wirkt zum Beispiel der Teufel allein von der Sprache her schon ganz anders als der gelehrte Faust oder die saufenden Soldaten im Gasthaus. Aber zurück zur Oper. Dieses Merkmal in der Oper wiederzufinden war nicht nur interessant, sondern auch unglaublich schön zu anzuhören. Operngesang an sich ist etwas, das man glaub ich echt mögen muss. Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich war sehr glücklich, dass er mich so begeistern konnte. Außerdem hat mir die Art und Weise, wie die Figuren musikalisch inszeniert wurden sehr gut gefallen.

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Foto: Olaf Struck

Nicht zuletzt war die Handlung dadurch sehr einfach nachzuvollziehen. Die Übertitel wurden kaum benötigt, da ich auch ohne sie die Handlung super hätte nachvollziehen können. Natürlich habe ich sie trotzdem gelesen, um ganz sicher zu sein auch ja nichts zu verpassen. Und dennoch wurde ich nicht vom Schauspiel an sich abgelenkt. Denn der Text war gesungen häufig viel länger als geschrieben. So musste ich nur alle zehn Minuten einmal die neuen Übertitel lesen. Außerdem wurden Sätze oder Satzpassagen in dieser Oper sehr häufig wiederholt. Wie ich aus der Kurzeinführung weiß, ist das ein besonderes Merkmal Rossinis. Man könnte meinen das wäre langweilig, allerdings wurde es durch die schauspielerische Leistung wieder unglaublich interessant.

 

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Foto: Olaf Struck

Das Stück hat mich total überzeugt und ich würde jedem, der Lust hat einmal wieder herzlich zu Lachen, empfehlen es sich anzusehen. Die Menschlichkeit der Charaktere überzeugt einfach. Manche Szenen muss man sehen, um zu verstehen, warum sie so komisch sind. Es sind Szenen, wie aus dem Leben gerissen. Es gibt wahnsinnig viel Situationskomik und Bilder im Film, die einen zum lachen bringen. Doch trotz aller Komik, allem Witz, hat die Oper auch eine ernste Note. So kann man eigentlich gar nicht anders, als das Schauspiel, der europäischen Reisenden im Kontext zur aktuellen Politik zu betrachten. Ich will nicht zu viel verraten, aber selbst auf den Brexit wird hier, unter lautem Applaus, Bezug genommen. Das Stück ist zwar komisch, aber nicht unsinnig. Es überzeugt durch seine Aktualität und seinen Charme, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

P.s. Nochmals vielen Dank an das Theater Kiel, welches mir für diesen Artikel die Opernkarten zur Verfügung stellte.

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